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Wohnungssuche in Auckland – eine Odyssee auf neuseeländisch

In Neuseeland wird das Motto des abgeschieden und für sich allein Seins offenbar ganz groß geschrieben. Kluge Menschen sagen, dass mit landesspezifischen, einzigartigen Einrichtungen wie Organisationen, Institute oder auch Internetangebote die Identität des Landes und der darin lebenden Bevölkerung gestärkt wird. So entstehe eine Einheit. Leider ist es aber manchmal so, dass sich diese starke Einheit der Allgemeinheit entzieht und sie gar ausschließt, wie der Fall des neuseeländischen Internetauktionshaus deutlich macht. Das neuseeländische Pendant zum weltweit verbreiteten Internetauktionshaus, das sich in Deutschland und unzähligen anderen Ländern großer Beliebtheit erfreut, findet in Neuseeland wenig Anklang. Hier hat man seine eigene Webseite, gegen die soweit auch nichts einzuwenden ist. Schönes Layout, viele Optionen. Zum Beispiel kann man da auch Mitbewohner für seine WG bzw. eine Wohnung zum gemeinsamen Wohnen suchen. Super Idee, tolles Konzept. Funktioniert allerdings nur, wenn man Neuseeländer ist. Bei der Registrierung wird sogleich darauf hingewiesen, dass Ausländer nicht erwünscht sind und dies wird auch sehr ordentlich und genau überprüft.

Registrierung für Nicht-Kiwis ist nur mit falschen Angaben möglich. Und wenn dies einmal aufgedeckt wurde, dann ist es vorbei mit weiteren Versuchen. „Membership unabled“. Zumindest unter gleichem Namen und Geburtstagsangabe. Ich persönlich habe es dreimal mit unterschiedlichen Adressangaben probiert. Dreimal bin ich wieder rausgeflogen und stehe jetzt wohl auf der roten Liste. Es existieren zwar weitere Internetseiten, die darauf spezialisiert sind, WG-Partner zu vermitteln, doch die meisten sind kostenpflichtig und bei dem Rest funktioniert die Kommunikation zwischen Vermieter und potenziellen Mieter eher schleppend.

Notgedrungen geht die Wohnungssuche also mit altbekannten Maßnahmen weiter: In öffentlichen Einrichtungen wie Büchereien und Universitäten nach Aushängen gucken, die sich an WG-Suchende richten. Anzeigen der Lokalzeitungen durchblättern. Frustriert durch die Gegend laufen. Wieder Lokalzeitungen durchblättern. „Ach, du findest schon was“, versucht mich meine holländische Hostelmitbewohnerin zu beruhigen. „Ich hab schon von vielen gehört, dass die ein Zimmer oder ein Guesthouse anbieten“. „Ach ja? Und wo?“ „Och, das weiß ich jetzt nicht mehr. Hab da nicht so zugehört.“ Schön. Sie wird sich ja auch ein Auto kaufen und entweder darin oder in Wäldern unter selbst gebastelten Holzunterschlüpfen schlafen, was für mich zurzeit weniger in Frage kommt. Noch nicht...

Die Erlösung und Rettung vor der Verwilderung in der natürlichen Wildnis kommt dann ganz kiwigetreu relaxt zwei Tage später. Da melden sich dann plötzlich im Laufe des Tages vier Menschen zurück, die ich bezüglich ihrer Wohnungsanzeigen vergangene Woche angeschrieben habe. Die erste Wohnung entpuppt sich allerdings als echte Katastrophe. Dabei hat es doch so gut begonnen. Bestellt wurde ich zu einem ansehnlichen Hochhauskomplex mit großzügiger Frontverglasung im 8. Stockwerk. Könnte eine ganz hübsche Aussicht geben, denk ich mir. Der Zutritt zu diesem Schmuckstück bleibt mir allerdings verwehrt. Stattdessen kommt der Vermieter, ein Zwei-Meter-Mann aus Samoa, in Jogginghosen und Shirt herunter und führt mich zwei Straße weiter zu einem weniger ansehnlichen Gebäudekomplex, dessen Wohnung sich als regelrechte Müllhalde erweist. Die Zimmer sind klein und schmutzig, die Küche und das Bad riechen muffig und überall liegt Wäsche und Müll auf dem Boden. Und das alles zu einem Spottpreis von 155 NZD pro Woche, also umgerechnet 310 Euro im Monat. Schnell raus hier! Da schreit er mir tatsächlich noch hinterher, was Besseres werde ich zu dem Preis in so zentraler Lage nicht finden.

Ein wenig entmutigt mache ich mich wenig später auf zur nächsten Besichtigung. Die Wohnung liegt jetzt mitten im Stadtzentrum, in der Victoria Street. Der äußere Eindruck weckt Hoffnung. Das Gebäude ist älteren Kalibers aber die Wände sind elegant in Brauntönen gehalten und mit Goldbordüren versehen. Ein Schild an der Wand verrät mir, dass es zudem aufgeteilt ist in einen Wohnungs- und einen Geschäftsbereich und abwechselnd kommen mir aufgetakelte Mädchen und Männer in Anzügen entgegen. Ein paar Minuten später kommt eine lächelnde Asiaten die Treppe heruntergehüpft und nimmt mich mit in den 3. Stock. Dort erwartet mich allerdings eine böse Überraschung. Die Wohnung ist zwar um einiges größer als die vorherige, vor allem das mir zugeteilte Zimmer, aber ebenfalls schmutzig und nicht mal mit einem richtigen Boden versehen. Dunkler Beton mit diversen hellen und dunklen Flecken starrt mir entgegen und als ich mein Blick dem großzügigen Fenster zuwende, um mich von dem gruseligen Anblick loszulösen, fallen mir die Klebestreifen ins Auge, die das Fensterglas und den Rahmen offenbar zusammenhalten. Die Küche, aus der mir ein Franzose und seine Freundin entgegenkommen, wurde schon länger nicht mehr gereinigt und das Bad ist mit diversem Kleinkrams zugestellt. Ich drehe mich um und sehe in das lächelnde Gesicht der Asiatin, die mir sogleich von der tollen Weihnachtsparty vorschwärmt, die wir zusammen feiern können. Ich lächle ebenfalls, bedanke mich und gehe. Dabei muss ich denken, was für eine Schande es ist, so eine großzügige Wohnung in Spitzenlage so verkommen zu lassen. Dabei hätte nur ein Großputz und etwas Renovierungsarbeit gefehlt. 238 Euro im Monat inklusive Nebenkosten plus Internet wäre ja nicht viel gewesen. Nun gut.

Die nächste Zusage für eine Wohnungsbesichtigung erhalte ich von einem Mann aus Ellerslie und wir vereinbaren einen Termin für 5 Uhr nachmittags. Als ich schwitzend den Vulkanhügel zu meinem Hostel besteige, kommt mir die Idee, einen Blick auf mein Handy zu werfen, dessen Klingelton im Straßenlärm schnell untergeht. Tatsächlich habe ich eine neue Nachricht erhalten von einem weiteren Vermieter, der sich auf mein Anschreiben meldet. Ob ich um 4 vorbeikommen könne. Der Blick auf die Uhr verrät mir, dass es bereits 10 vor vier ist und so eile ich kopflos erst zu meinem Hostel, um mich frisch zu machen, dann zurück Richtung Downtown. In einem Moment des Wartens an der Fußgängerampel komme ich allerdings zur Besinnung und rufe mir zwei Dinge ins Gedächtnis. Erstens war dies die Wohnung, in der ich mir das Zimmer mit einem anderen Mädchen würde teilen müssen und zweitens befindet sich das Apartment auf der Hauptstraße von Auckland City, der Queen Street, was mich Schlimmes vermuten lässt. Zentral plus günstig gleich schmuddelig, ist die scheinbar logische Rechnung in Auckland City. Besonders gefährlich ist es vor allem dann, wenn die Wohnung von außen gut aussieht. Mittlerweile weniger optimistisch trete ich an das Gebäude heran, das noch höher als das letzte zu sein scheint. Unheildrohend schöne großzügige Fenster glänzen in der Sonne. Zudem stechen die vorbildlichen Sicherheitsvorkehrungen ins Auge, die eventuell auf noblere Wohnungen hoffen lassen. Ohne Karte und Schlüssel kann man nicht mal das Foyer zu den Aufzügen betreten. Ein kleiner Philippine steigt schließlich aus dem Fahrstuhl und öffnet mir die Tür. Wir fahren zum 10. und höchsten Stockwerk des Gebäudes hinauf und steigen in einem Flur mit unzähligen weißen Türen aus. Auf einer ist ein kitschiges goldenes Seefahrerlenkrad befestigt. Durch die gehen wir. Und kommen in eine helle, freundliche Wohnung mit drei Zimmern und einer Küche mit Esszimmer und Sofa, die eine nette Aussicht über Aucklands Geschäftszentrum erlaubt, inklusive Blick auf das Meer in der Ferne und den Sky Tower in der Nähe, bei dem es übrigens eher ein Wunder ist, wenn man ihn von irgendeinem Ort nicht zu sehen bekommt. Die Zimmer und das Bad sind nicht groß, aber sauber und modern eingerichtet. Der Philippine namens Ronnie stellt mich den restlichen drei Mitbewohnerinnen vor, die mich nett anlächeln und eine bunte internationale Mischung repräsentieren. Keine hier ist Kiwi, dafür aber alle sehr freundlich. Ronnie enttarnt sich sogleich als schwul und wiederholt am laufenden Band, dass sie alle eine „big family“ seien und mich gerne willkommen heißen würden. Ich solle ihn doch „big sister“ nennen. Ich lache und lasse mir von ihren gemeinsamen Abenden am Tisch mit einem Glas Rotwein erzählen und bin sofort sehr positiv gestimmt. Auch die Spanierin und Brasilianerin teilen sich ein Zimmer. Nur Ronnie schläft allein. Das Zimmer, das ich mir mit der Slowakin teilen soll, ist durch eine Schiebetür aus elegantem Holz und Milchglas vom Hauptraum getrennt und in schlichtem sauberen Weiß gehalten. Zwei Betten mit weißen Decken und einer großen Schrankwand stehen darin. Sonst nichts. Aber es reicht. Meine Klamotten hätten allemal Platz. Und für die brillante Lage, vor allem für mich (15 Gehminuten hinunter zum Zentrum und zum Hafen, 10 Gehminuten hinauf meinem Praktikumsplatz), ist das Zimmer recht günstig. 125 NZD pro Woche, was 250 Euro im Monat entspricht. Inklusive Wasser, Strom und Internet. Ich bin definitiv nicht abgeneigt und signalisiere starkes Interesse, indem ich einfach spontan zusage. Solange ich noch nichts unterschrieben habe, kann ich später ja immer noch absagen, denke ich mir und fahre weiter nach Ellerslie.

Dort erwartet mich nach einer etwas längeren Anfahrt ein hübsches schwarz gestrichenes Häuschen in ruhiger netter Nachbarschaft und drei Bewohner, die mich sofort freundlich begrüßen. Anführer der Sippe ist eindeutig der Herr im Haus, der sofort das Reden übernimmt, mir das sehr modern und sehr elegant in schwarz und weiß eingerichtete Wohnzimmer mit Küche zeigt, sowie die Abstellkammer, also das frei stehende Zimmer, das für mich bestimmt ist. Ein Bett passt gerade so rein und eine winzige Kommode. Das Bad ist allerdings wieder sehr schön und alles blitzt vor Sauberkeit. Zudem gibt es eine schöne große Holzterrasse und einen umzäunten Gemüsegarten. Die Miete beträgt 100 NZD plus Nebenkosten, die sich auf etwa 20 NZD pro Woche belaufen. Nicht viel für ein schönes Haus. Aber der Weg dorthin schreckt mich etwas ab. Und abends wird hier auch nicht viel los sein. Zudem erfahre ich, dass ich natürlich nicht die einzige Interessentin bin und dass hier nicht wie in den anderen Wohnungen „first comes, first serves“ gilt, sondern erst alle Interessenten begutachtet werden und anschließend eine Entscheidung gefällt wird. Gut und nachvollziehbar für die Vermieter, eher ungünstig für mich. Schließlich könnte die andere Wohnung dann schon weg sein. Und so fahre ich leicht wehmütig aufgrund der bestehenden Defizite trotz des schönen Hauses und der netten Kiwi-Vermieter (wie gerne hätte ich mit echten Neuseeländern zusammen gewohnt!) zurück nach Auckland City und mache den Vertrag mit dem Philippinen fest.

Ein bisschen schade ist es dann schon, dass die Odyssee so schnell wieder endet, denn so eine Wohnungssuche ist schon sehr spannend und auf jeden Fall bin ich um einige Erfahrungen reicher. Bloß nicht immer die erstbeste Wohnung nehmen, Zeit lassen und ganz in Kiwi-Manier relaxt bleiben. No worries, man findet schon ein hübsches Fleckchen. Und auch wenn die Wohnung, die man aus Zeit- oder Geldmangel womöglich notgedrungen nehmen muss, nicht ganz so schön ist, gibt es keinen Grund zu verzweifeln. Es gibt ja unzählige wunderschöne Strände um die City herum, wo es sich bis in die Nacht hinein sehr gut aushalten lässt.


Sina Huth

 
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